Von Gisela Düllberg:
Jörn Pleß ist tot
Jörn starb am Samstag, d. 28.2.2004 an den Folgen seiner Krebserkrankung.
Mehr als 2 Jahrzehnte radelte er in den Arbeitspausen im Charlottenburger Schlosspark, immer in Begleitung eines stets vorbildlich erzogenen unangeleinten Mischlingshundes, Herkunft Tierheim.
Als 1998 eine neue Politikergeneration an die Macht kam und die (meist älteren) Hundehalter/innen mit Polizei, Razzien und horrenden Bußgeldern aus den Charlottenburger Grünanlagen entfernte, war Jörn bei den Gründungsmitgliedern der ersten Bürgerinitiative "Pro Hund", die sich gegen diesen neurotischen Wahn zur Wehr setzte.
Nach der Umbenennung in "Berliner Schnauze" zeichnete er das Logo und gestaltete fortan 5 Jahre lang als Mit-Vorsitzender jede Sitzung mit. Er setzte auf Rationalität, auf das Gespräch mit den Verantwortlichen, auf konstruktive Lösungen, auf demokratische Verfahrensweisen und gestaltete ein Positionspapier, in das sein fundiertes Fachwissen einfloß.
Als auch Journalisten auf den Hundehasserzug aufsprangen, Zeitungen zur Auflagensteigerung vermehrt gegen Hund und Halter hetzten, und der Berliner Senator Peter Strieder öffentlich die Parole ausgab, Hundehalter sollten in weniger dicht besiedelte Gegenden des Landes umsiedeln, lud Jörn Pleß Politiker aller Parteien und Funktionsträger vieler gesellschaftlicher Bereiche zu den Sitzungen unserer Bürgerinitiative ein, um Vernunft in die Diskussion zu bringen.
Bei aller Ernsthaftigkeit und auch allem Erschrecken über das Maß an Inkompetenz und Populismus, das sich uns oft in diesen Sitzungen auftat, verlor er nie seinen - wenn auch zunehmend schwarzen - Humor.
Es war selbstverständlich für Jörn Pleß, den von den neudeutschen Rassegesetzen verfolgten Hundehaltern beizustehen, als ein unglücklicher Beißvorfall in Hamburg im Sommer 2000 zum Vorwand genommen wurde, eine längst vorbereitete und vorgefertigte neue Hundeverordnung aus der Schublade zu ziehen und 12 ausländische Hunderassen nebst Mischlingen jeden Grades mit Maulkorb- und Leinenzwang zu quälen, ihre Besitzer mit Prüf- und Plakettenzwängen zur Kasse zu bitten oder sie - wenn möglich - von ihrem Hund zu enteignen. Hunderten von Hundehaltern wurden von den öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften die Wohnung gekündigt (Alternative : Hund "abschaffen"), die Berliner Verkehrsbetriebe verhängten ein Fahrverbot für "Rasselistenhunde" etc. etc.
Während die für dieses Desaster verantwortlichen Politiker (Landowski & Co. / Strieder-Schöttler & Co) in die Sommerferien verdufteten, saß Jörn Woche für Woche mit uns im Hinterzimmer vom Schlossrestaurant, um den verzweifelten Hundehaltern zu helfen, die in Scharen kamen; um den Protest mit zu organisieren; Briefe zu schreiben; um Rechtsbeistand heranzuholen; um Solidarität zu bekunden.
Erschüttert musste er mit ansehen und anhören, wie der alte braune Sumpf in der Hauptstadt durch alle Fugen kroch; wie sich Denuntiantentum wieder ausbreitete; wie Hundehalter mit Nazi-Parolen bepöbelt wurden; wie SEKs nachts Jagd auf Hundehalter machten; wie Polizei in Wohnungen eindrang; wie überall Hunde getötet wurden, auch von sog. "Amts-veterinären".
"Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte", sagte er manchmal leise in kleinem Kreis. (Er möge mir verzeihen, wenn ich dies hier im großen Kreis wiederhole)
Er ging mit auf Demonstrationen; unbeirrt kämpfte er gegen den Rassenwahn; wie ein Fels in der Brandung vertrat er seine auf Fachkunde und Sachkenntnis gegründete Position, und ließ sich durch keine unserer zahlreichen Enttäuschungen aus der Fassung bringen, auch nicht durch diese letzte:
Gernot Klemm von der PDS - wie auch Vertreter der anderen Parteien oft zu Gast in unserer Bürgerinitiative - sprach sich immer vehement gegen Rasselisten und für ein Heimtierzuchtgesetz aus, sammelte Wählerstimmen für die PDS, die sich seine Position zu eigen gemacht hatte. Mit den Stimmen von vielen Hundehaltern an die Macht gekommen und jetzt im Abgeordnetenhaus finanziell abgesichert positioniert, hat Herr Klemm eine wundersame 180 Grad-Wendung vorgenommen und zusammen mit der SPD nun einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Rasselisten, Maulkorb- und Leinenzwang festschreibt und die PDS als Wendehals- und Wahlbetrugspartei abstempelt.
All das lastete auf Jörn Pleß, der "nebenbei" als Architekt hart arbeitete und u.a. das Rathaus Neuenhagen nach denkmalschützerischen Aspekten wunderbar restaurierte. Urlaub gönnte er sich in den Wirren der letzten Jahre kaum; allenfalls folgte er als großer Fontane-Liebhaber am Wochenende den Spuren in der Mark, immer begleitet von seiner Frau Heidi und Hund "Bernau" aus dem Tierheim Bernau.
Wir haben eine große Persönlichkeit verloren, einen Menschen mit Rückgrat, Bildung, Mut, Durchhaltevermögen, Intelligenz und einem großen Herzen, auch für die Kreatur.
Jörn Pleß wird am Donnerstag, 11. März 2003, um 11.30 Uhr auf dem Luisenfriedhof 3 begraben. (Fürstenbrunner Weg 37-67, Berlin-Charlottenburg).
Kommt alle.
Gisela Düllberg - Bürgerinitiative Berliner Schnauze.