Übesicht

Besetzung der Gethsemane Kirche - Erklärung und Bericht

Veröffentlicht: 15.09.2000
Autor: Guido Zörner

Erklärung

Wir, eine Gruppe Berliner HundehalterInnen, haben am heutigen Abend die Gethsemane Kirche besetzt.

Wir befürchten, daß das Abgeordnetenhaus von Berlin in seiner morgigen Sitzung den Entwurf eines Gesetzes zum Halten und Führen von Hunden in einem faktischen Eilverfahren verabschiedet. Die dort vorgesehene Liste "gefährlicher Hunderassen" ist nicht geeignet, die Gefahr einzudämmen, die von einem kriminellen Milieu ausgeht, das Hunde zu Kämpfen mißbraucht und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Vielmehr werden völlig unbescholtene Menschen, die das Pech haben, einen Hund zu besitzen, der einer der indizierten Rassen auch nur ähnelt, einem rigiden Kontroll- und Repressionssystem ausgesetzt. Wir bitten die Kirche um ihren Beistand und protestieren gegen die anhaltende Diskriminierung von Hunden und ihren HalterInnen:

Bereits seit dem 1.9.2000 sind BesitzerInnen von 13 "Kampfhunde"rassen von der Beförderung durch die Deutsche Bahn AG ausgeschlossen.

HundebesitzerInnen werden mit der Kündigung ihres Wohnraumes bedroht, allein weil sie mit einem Hund der "falschen" Rasse zusammen leben möchten.

WIR SEHEN DIE BÜRGERRECHTE DER HUNDEHALTERINNEN IN GEFAHR UND SAGEN: HALT!

Die geplanten Vorschriften sind zweckwidrig und völlig unverhältnismäßig. Sie verstoßen damit gegen das Grundgesetz. Sie sind einzig dazu geeignet, das artgerechte Zusammenleben mit Hunden in dieser Stadt nahezu unmöglich zu machen:

Maulkorb- und Leinenzwang für 12 Hunderassen, trotz Wesensüberprüfung und Sachkundenachweis der HalterIn. Anerkannt ungefährliche Hunde werden auf diese Weise krank gemacht. Sie werden eine Wiederholung des Wesenstests nach drei Jahren nicht bestehen können und sind damit dem Tode geweiht.

Ein völlig folgenloser Verstoß gegen den generellen Leinenzwang für alle Hunde im gesamten Stadtgebiet, soll Bußgelder von bis zu 20 000 DM und sogar die Einziehung des Hundes nach sich ziehen können!!! Dieses Gesetz wird zu Folge haben, daß ca. 120 000 HundehalterInnen und ihre Familienangehörigen zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt werden. Das ist bereits jetzt spürbar. Als Folge einer durch Medien und führende Politiker geschürten Hysterie ist es wiederholt zu Angriffen auf Hundehalter (siehe z.B. Leander Hausmann) und zu willkürlichen Denunziationen von Hundehaltern gekommen.

Die geplanten Regelungen treffen besonders die Schwachen in dieser Gesellschaft: Die alten und behinderten Mitmenschen, denen es nicht möglich ist eines der wenigen abseits gelegenen "Hundeauslaufgebiete" aufzusuchen.

Wir bitten die Evangelische Kirche darum, sich dafür einzusetzen, daß die morgige Lesung des "Gesetzes über das Halten und Führen von Hunden" vertagt wird - solange bis alle Abgeordneten eine Möglichkeit hatten, sich sachkundig zu machen.

Wir bitten die Evangelische Kirche darum, sich für einen breiten gesellschaftlichen Dialog zwischen HundehalterInnen und der Politik einzusetzen.

Ein erster Schritt hierzu wäre die Durchführung einer öffentlichen Diskussion in der Gethsemane Kirche, auf der sowohl HundehalterInnen, Tierärzte, Juristen als auch Frau Schöttler ihren Standpunkt der sachlichen Prüfung durch die demokratische Öffentlichkeit aussetzen könnten.

Wir haben das Mittel der Kirchenbesetzung aus großer Not und Verzweiflung gewählt. Von den BesetzerInnen der Gethsemane Kirche wird keine Gewalt ausgehen. Wir werden keinerlei religiöse Handlungen stören etc. Wir hoffen einzig und allein darauf, dass die Evangelische Kirche dazu beitragen möge wieder ein friedliches Miteinander von HundehalterInnen und Nicht-HundehalterInnen in dieser Stadt möglich zu machen.

Die BesetzerInnen der
Gethsemane Kirche

13. 9. 2000

ALLES, WAS IHR DEM GERINGSTEN MEINER BRÜDER GETAN HABT, DAS HABT IHR MIR GETAN, UND ALLE HILFE, DIE IHR MEINEN BRÜDERN VERSAGT HABT, HABT IHR MIR VERSAGT.

Bericht

Am gestrigen Abend gegen 19.30 Uhr hat eine Gruppe von Hundehaltern die Ostberliner Gethsemane Kirche symbolisch besetzt, um auf die Verletzung der Grundrechte der Hundehalter und das Schicksal friedlicher Tiere aufmerksam zu machen, die mit der gegenwärtigen Regelungswut in bezug auf die Hundehaltung einhergeht. Zeitgleich wurden die Presseagenturen und sämtliche Berliner Tageszeitungen von der Aktion informiert. Die Besetzer verlasen nach dem Ende eines Orgelkonzertes vor den noch anwesenden Zuhörern die beiliegende Erklärung. Die Gethsemane Kirche hat sich schon einmal sehr engagiert für Bürgerrechte eingesetzt. Sie wurde zum Symbol des gewaltfreien Widerstandes gegen das DDR-Regime im Kampf um demokratische Grundrechte und für Reisefreiheit. Die Besetzer wollten die Kirchenoberen keineswegs zu einer Parteinahme für Hunde bewegen. Vielmehr war es das erklärte Ziel der Aktion, die Kirche dazu zu bewegen, sich für einen gesellschaftlichen Dialog einzusetzen, für den Beginn einer sachlichen Debatte über die Frage der Hundehaltung in dieser Stadt. Die Besetzer wurden von einer größeren Gruppe von Hundehaltern (einschließlich ihrer Tiere) unterstützt, die sich vor der Kirche mit brennenden Kerzen versammelt hatten. Nach längerer Debatte in der Kirche, die teilweise sehr erregt aber ohne Zwischenfälle verlief, erklärte der anwesende Pfarrer, ohne die Erklärung auch nur richtig gelesen zu haben, er werde von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Denn Gemeindekirchenrat werde er zu dieser Frage nicht anrufen. Daraufhin erklärten sich die Besetzer enttäuscht bereit, die Kirche zu verlassen. Sie waren allerdings froh und glücklich darüber, daß sich innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen bereitfanden, die Aktion durch ihre Anwesenheit vor der Kirche zu unterstützen.

Sowohl der Pfarrer als auch ein Vertreter der Besetzer gaben daraufhin vor der Kirche und den mittlerweile auch anwesenden Pressevertretern jeweils eine Erklärung ab.

Der Vertreter der Besetzer äußerte seine Enttäuschung daß ihnen ausgerechnet in dieser Kirche nicht einmal richtig zugehört worden sei. Während Hundehalter staatlichen Willkürakten ausgeliefert seien, während es innerhalb eines demokratischen Landes zu faktischen Reisebeschränkungen komme, nehme sich die Kirche das Recht, Hilfesuchende Menschen abzuweisen. Auch gegenüber den Tieren seien Christen zur Bewahrung der Schöpfung verpflichtet.

Der Pfarrer erklärte lapidar, er habe Verständnis für das Anliegen der Besetzer, könne aber mit der Methode nicht einverstanden sein. Er gestand ihnen zu, daß sie sich jederzeit höflich und zivilisiert betragen hätten und ihn so von der Friedlichkeit ihrer Absichten überzeugt hätten. Er sei selbst mit Hunden aufgewachsen, aber das sei auf einem Dorf weit draußen gewesen. Er verstehe den Bezug auf die Geschichte der Kirche nicht. Jetzt gehe es schließlich um Hunde, denen Menschen zum Opfer gefallen seien. Die Halter dieser Hunde hätten das Image der Hundehalter beschädigt. Hundehalter müßten jetzt dafür sorgen, dieses Image wieder zu verbessern. Daß dabei einige durch das Rost fallen und Beschränkungen ertragen müßten sei in Anbetracht der gefährlichen Tiere hinzunehmen. Er sehe keinen Grund deswegen den Gemeindekirchenrat einzuberufen.

Medienberichte über die Aktion sind der Selbstzensur der Presse scheinbar vollständig zum Opfer gefallen.

Annett Löwe
14.9.00

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