Der Pankower Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Öffentliche Ordnung, Jens-Holger Kirchner (Grüne), ist ein echter Experte, wenn es darum geht, abstruse Forderungen und Verbote unter das Volk zu bringen. Er ist verantwortlich für das Hundeverbot am Kollwitzplatz, er fordert die Abschaffung der Hundesteuer weil sich dadurch das Hundekotproblem automatisch von selbst löst und er hat letzten Freitag in der B.Z. offenbart, dass es im nächsten Jahr einen Hundeführerschein für alle geben soll. Diese Forderung war natürlich wieder mal das Halali der Presse, gegen die bösen Hundehalter/innen zu wettern.
Die Forderung nach einem Sachkundenachweis für alle Hundehalter/innen ist nicht neu. Oft wird argumentiert, dass ein Hundeführerschein zum Wohle des Tierschutzes ist, denn schließlich müsse ein/e Hundehalter/in ja über die Bedürfnisse eines Hundes Bescheid wissen. Nach Kirchners Vorstellung soll der Hundeführerschein vom Berliner Tierschutzverein (Träger des Tierheims in Lichtenberg) abgenommen werden und dort 150 € kosten.
Der Tierschutzverein unterstützt diese Forderung natürlich gerne, verspricht ein solches Gesetz doch reichen Geldsegen. Kritische Bedenken an dem „Führerschein“ werden dann gerne mal ausgeblendet.
Seitdem im Jahr 2000 durch die Rasselisten in der Hundeverordnung einige Hundehalter/innen gezwungen sind, einen sogenannten Hundeführerschein (Sachkundeprüfung) zu machen, dürften eigentlich ausreichend Erfahrungen über den Umgang mit ungewünschten Hunden vorliegen – vor allem in den deutschen Tierheimen, die auch 10 Jahre nach Einführung der Rasselisten an ihren Folgen laborieren, weil ein Heer von unvermittelbaren, hungrigen Mäulern den Tierschützern auf der Tasche liegt.
Denn was passiert mit den Hunden, wenn die Halter den Test nicht bestehen oder sich die Gebühren nicht leisten können? In diesem Fall ist es natürlich von Vorteil, wenn der Berliner Tierschutzverein die Prüfung abnimmt, denn die Hunde können dann gleich in dem Tierheim bleiben. Was passiert aber, wenn das Tierheim voll ist? Auch hier kann auf die Erfahrungen mit den Listenhunden zurück gegriffen werden. Das Tierheim könnte die Hunde in ein anderes Tierheim abschieben, dass es eventuell mit dem Einschläfern nicht so genau nimmt. Überzählige Hunde aus der Tiersammelstelle kann sich der Senat entledigen, indem er einfach ein paar Hunde an Wachschutzunternehmen verschiebt, die anschließend getötet oder von Tierschützern wieder frei gekauft werden können. Für die, die übrig bleiben, liegen dann bei den Amtstierärzten Persilscheine bereit.
Panikmache? Schwarzmalerei? Um die Halter/innen aller 105'000 registrierten Hunde zu prüfen, muss das Tierheim ein Jahr lang an jedem Tag (inkl. Sonn- und Feiertage) rd. 288 Prüfungen abnehmen. Nicht mit gerechnet sind die Haushalte, in denen mehrere Menschen sich um einen Hund kümmern. Selbstverständlich muss jede/r einen Sachkundenachweis besitzen, wenn sie/er mit dem Hund unterwegs ist. Das ist gängige Praxis bei Haltern von Listenhunden.
Aber brauchen wir wirklich einen Hundeführerschein? Kann ein Hundeführerschein dafür sorgen, dass weniger Hundekot auf den Gehwegen liegt? Werden rücksichtslose Hundehalter/innen mit Hundeführerschein weniger rücksichtslos sein? Wird es mit einem Hundeführerschein weniger Hunde im Tierheim geben? Ist Wissen gleich Können? Es wird erwartet, dass ein Hundeführerschein all diese Probleme löst.
Rücksichtslosigkeit ist kein Attribut der Hundehalter/innen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es gibt rücksichtslose Autofahrer, rücksichtslose Radfahrer, rücksichtslose Politiker etc. Ein Hundeführerschein doktort nur an den Symptomen herum, löst aber keine Probleme. Spender für Hundekotbeutel, Auslaufgebiete, Aufklärung oder Angebote zur sozialen Aktivierung lösen Probleme. Schade nur, dass unsere Politiker nicht in der Lage sind, ihren geistigen Horizont weit genug auszudehnen, um diese einfachen Zusammenhänge zu erkennen.
Hinzu kommt, dass die Statistik aus dem Jahr 2009 deutlich zeigt: Die Zahl der Hundebisse und anderer Vorfälle ist stark rückläufig. Was die Statistik aber nicht zeigt, sind die Unterschiede zwischen Unfällen und Vorfälle aus Mangel an Sachkunde. Vielmehr wird vom Senat der Eindruck erweckt, dass von den Hunden permanent Gefahren ausgehen, vor denen die anständigen Bürger/innen geschützt werden müssen. Wer sich demnach einen Hund hält, handelt automatisch verantwortungslos. Das aber auch in anderen Lebensbereichen Unfälle passieren (z. B. im Haushalt, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz), spielt keine Rolle. „Shit happens“ - so ist das nunmal! Erfrischend ehrlich bringt ein Artikel der Stuttgarter Zeitung die aktuelle Diskussion auf den Punkt. Schade, dass es bei vielen Journalisten in Berlin an dieser klaren Sicht oft mangelt.
Solange es um Geld – um viel Geld – geht, wird keine Hundeschule, kein Verband etwas gegen den Hundeführerschein sagen. Auch wenn in den Prüfungsfragen noch so viel Unsinn verzapft wird. Als Gegner des Hundeführerscheins wird man zudem schnell stigmatisiert, weil man angeblich nicht das Beste für den Hund und die Gesellschaft will. Die ausufernde Blockwartmentalität der Hundegegner tut ihr übriges.
Aber die Hundehalter/innen werden wohl auch diese Kröte schlucken, so wie sie die Rasselisten, Zäune oder Hundeverbote ohne zu murren geschluckt haben.
Von: Nadja (01.06.2010 um 16:08 Uhr)
E-Mail: nadja.vogel@gmx.de
Hallo Guido
ich BIN Hundebesitzer und ich würde gerne den Hundeführerschein machen. In Hamburg gibt es einen Führerschein. Im Gegenzug dafür sind ca. 80 große Freilaufflächen geschaffen worden, teilweise Parks geöffnet auf den Hund und Herrchen entspannt spazieren gehen können. In Hamburg gibt es 40.000 angemeldete Hunde und Hundesteuer ist ca. 90 Jahr.
Vergleich dazu Berlin: 120 Jahr 104.000 angemeldete Hunde 13 "offzielle" Auslaufflächen. Im Bezirk F-Hain gibt es genau eine offizielle von der Stadt erichtete Fläche, die ca. 300m2 hat. D.h. man muss theoretisch mit zwischen 8- und 10.000 Hunden pro Fläche und Tag rechnen, denn jeder Hund braucht es ab und zu mal frei auf Gras zu laufen.
Wenn es also tatsächlich dazu kommt dass ich mit dem Hundeführerschein auch mehr Freiheiten bekomme zahle ich gerne 50 (so wie in Hamburg) und zeige jedem Hundetrainer (in Hamburg kann das ein Trainer machen) wie toll der Hund auf mich hört.
So wie es im Moment ist, ist es aber eigentlich reinste Schikane dem Hundebesitzer gegenüber. Dafür sind wir in Berlin einfach zuviele und dafür zahlen wir auch zuviel Steuer.
Ich kann aber den Ärger von Nichthundebesitzern verstehen und deshalb bin ich für eine Entzerrung mit mehr Auslaufgebieten in JEDEM Park höhere Strafen für liegendelassenen Kot und Hundeführerschein.
Von: Björn Rehdorf (19.05.2010 um 12:09 Uhr)
E-Mail: info@dogtraining4life.de
Ich stimme dir vollkommen zu, dass der Hundeführerschein nicht für die Lösung dieser Probleme sorgt. Rücksichtslosigkeit wird damit nicht automatisch abgeschafft, da die Menschen ihre Handlungen nicht grundlegend ändern werden nur weil sie einen Hundeführerschein haben. Was ich allerdings gut finden würde, währe die Sachkunde für alle Hundehalter,was für uns Listenhundehalter nichts neues ist. Wir müssen sie machen und können auch nichts dagegen tun. Das währe ein Anfang zur Gleichstellung der Rassen, so wie die Maulkorbpflicht in den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Sachkunde würde zumindest dazu dienen, dass Hundehalter die Bedürfnisse ihres Hundes kennen und auch etwas über die Körpersprache des Hundes lernen. Denn gerade das ist ein großes Problem. Die menschen holen sich Hunde ins Haus und sehen in ihnen Menschen mit fell, was ein großer Fehler ist....
Über sinn und Unsinn vieler Gesetze,braucht man sich nicht streiten, da wir als Bürger in diesem Staat schon lange nichts mehr zu melden haben. Leider gehen auch zuwenig Menschen auf die Straßen um für ihre Rechte und forderungen zu kämpfen und deshalb kommt der Staat mit seinen Regeln durch.
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