Grunewaldtheater „reloaded“ (und andere Ärgernisse)

Veröffentlicht: 12.09.2009 um 0:10 Uhr
Autor: Guido Zörner

Am 31. Juli 2009 hat der Berliner Tierschutzbeauftragte seinen jährlichen Tätigkeitsbericht vorgelegt. In diesem wurden die Berliner Hundehalter vom Tierschutzbeauftragten als als asozial, rücksichtslos und zerstörungswütig beschrieben.

Waldweg am Grunewaldsee. Auf der Seeseite stehen Pfeiler für den neuen Zaun.
(Bild: Der neue Zaun am Grunewaldsee.)
Die Sommerferien sind nun vorbei und das diesjährige Sommerloch hat wieder ein Opfer gefunden: den Grunewald. Das größte und älteste Hundeauslaufgebiet Europas geriet 2004 schon einmal in die Schlagzeilen, als es auf bestreben des damaligen SPD Senators Peter Strieder massiv verkleinert werden sollte. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch an den heftigen Widerstand der Hundehalter.

So ganz aus der Welt scheint dieses Vorhaben heute nach 5 Jahren jedoch noch nicht zu sein. Mit immer neuen Absperrungen, Restriktionen und Schikanen sowie einer ungezügelten medialen Polemik sind die Berliner Forsten bestrebt, dem Hundeauslaufgebiet am Grunewaldsee den Garaus zu machen.

Und der Berliner Tierschutzbeauftragte Dr. Klaus Lüdcke ist ein williger Helfer in diesem Spiel. In seinem Bericht (PDF, ca. 34 KB) schreibt er: „Von den 12 Hundeauslaufgebieten in den Berliner Forsten macht vor allem das Auslaufgebiet im Grunewald östlich der Avus rund um die Grunewaldseen viel Ärger. Die Zerstörung von Natur und Seeufer erfordert hohen Erhaltungsaufwand und unerwünschte Zäune im Wald“.

Der Zaun mit den darunter liegenden Spundwänden am Ufer des Grunewaldsees.
(Bild: Ansicht auf den Zaun von der Seeseite. Darunter die alten Spundwände.)
Viel Ärger macht hier nur der Förster Elmar Kilz, der mit immer wieder neuen fadenscheinigen Argumenten neue Zäune im Wald und insbesondere um den See herum zieht. Das aufgrund der Hanglage des Ufers Sand in den See gespült wird, mag ja noch nachvollziehbar sein und dass kein Geld für die Erneuerung der morschen Spundwände zur Verfügung steht – nun ja, aber für die Zäune ist dann Geld da. Und was sollen die Zäune erreichen? Das weniger Wasser in den See läuft? Wem will man solche Märchen auftischen? Dann gibt es ja noch die bösen Hundepfoten, die tonnenweise Sand in den See tragen und ihn versanden. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, den See nach nach zu sperren. Komisch nur, dass an anderen Badeorten, wie das Strandbad Wannsee, an dem auch badende Menschen Sand in den See tragen, von einer Schließung nicht die Rede ist.

Dann steht noch in dem Bericht: „Die innerstädtischen Hundeauslaufgebiete haben sich um zwei im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf vermehrt.“ Die so genannten „Auslaufgebiete“ liegen in der Reichsstraße / Spandauer Damm sowie auf dem Mittelstreifen der Bundesallee in Wilmersdorf, der jedoch erst im nächsten Jahr kommen soll. Reichsstraße / Spandauer Damm ist ca. 9.000 m² „groß“. Hier von einem Auslaufgebiet zu sprechen, ist blanker Hohn. Ein derartiger kleiner, eingezäunter Hundeplatz kann niemals die Anforderungen eines art- und tierschutzgerechten Freilaufes für Hunde erfüllen. Schade, daß der Tierschutzbeauftragte, der ja auch zuständig für den Tierschutz der Hunde ist, dieses jedoch nicht sehen will. Statt dessen beschwert sich Berlins „Chef-Tierschützer“ darüber, dass besorgte Hundehalter sich an ihn wenden, weil sie fürchten, ihren Hund bald nicht mehr art- und tierschutzgerecht halten zu können.

Laut dem Tagesspiegel würde der Tierschutzbeauftragte das Hundeauslaufgebiet am Grunewald lieber abschaffen. Daher muss er sich auch die Frage gefallen lassen, ob der Tierschutzbeauftragte die Interessen des Tierschutzes vertritt oder doch eher die Interessen des Senats? Aber welche Interessen hat der Senat?

Die Rohrdommeln am Grunewaldsee („Uuup, uuup“) sind es jedenfalls mit Sicherheit nicht. Die haben sich dort nämlich trotz der Hunde angesiedelt und werden dort – trotz der Hunde – auch bleiben. So zu tun, als wenn die Vögel nun vor den Hunden beschützt werden müssen, ist billigste Polemik.

Der Senat setzt seine Strategie von 2004 fort, als das Auslaufgebiet um den Grunewaldsee verkleinert werden sollte. Aber steckt da vielleicht noch mehr dahinter?

Das Auslaufgebiet am Grunewaldsee war dem Senat schon lange ein Dorn im Auge. Wenn die Hunde nicht wären, ließe sich dieses Waldstück gewinnbringend vermarkten. z. B. durch den Verkauf von Jagdlizenzen. Seitdem der Förster weite Teile des Grunewaldes abgesperrt hat, läuft die Wildschweinzucht dort auf Hochtouren, denn die großflächig eingezäunten Areale sind hervorragende Rückzugsgebiete für Wildtiere. Zu dumm nur, daß die Jäger wegen der vielen Hunde zu wenige Schweine abknallen können. Das Berliner Besserbürgertum, daß sich gerne mal mit ein paar ermordeten Tieren schmückt, ist darüber wenig amüsiert. Daher werden jetzt wieder reihenweise Jogger und Kinder von Hunden bedroht und den letzten verbleibenden begehbaren Uferbereichen wird eine gigantische ökologische Katastrophe prophezeit.

Überreste gerodeter Bäume an einem Hang im Grunewald.
(Bild: Die neuen Sichtachsen. Bodenerosionen werden bewußt in Kauf genommen, die Schuld haben die Hunde.)
Der letzte Hetzartikel in der B.Z. zeigt klar, wohin der Hase läuft. Der Grunewald soll ein Erholungsgebiet für die besseren Berliner werden – ein Refugium für das Großbürgertum. Es werden Sichtachsen geschaffen, es darf sich nur auf den Wegen fortbewegt werden und die Jagd wird attraktiv gemacht. Das schöne, alte Jagdschloss mitten unter schmutzigen Proletenhunden? Igitt, das darf aber nicht sein.

Seit Tempelhof und Mediaspree müssten eigentlich alle mitbekommen haben, dass es dem Senat letztlich nur darum geht, die Sahnestückchen dieser Stadt möglichst schnell und teuer zu verramschen. So auch der Grunewald. Es geht nicht um Naturschutz, es geht noch weniger um die Hunde. Es geht ausschließlich um das Geld. Das Volk hat das Maul zu halten!

Gut das wir einen Tierschutzbeauftragten haben. Der Berliner Senat weiß aus Erfahrung: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

Ach, dann gibt es ja noch die Forderung nach einem Hundeführerschein. Lasst uns doch in Berlin einen Hundeführerschein für alle machen. Dann ist die Hundehaltung endlich nur noch etwas für reiche Leute.

Kinder, Jogger und Radfahrer leben in ständiger Bedrohung, von Hunden angefallen und zerfleischt zu werden. Das ein Tierschutzbeauftragter dieses Zerrbild der Hundehaltung vermittelt, ist mehr als traurig. Es ist aber geradezu eine Unverschämtheit, derartige Behauptungen in die Welt zu setzten und zu verschweigen wie repräsentativ die Zahl der Beschwerden über Hunde wirklich sind. War Herr Dr. Lüdcke überhaupt im Sommer mal im Görlitzer Park oder im Mauerpark und hat die Konflikte gezählt? Sicher nicht, wäre ihm dabei doch garantiert Langweilig geworden, so entspannt leben die Menschen dort miteinander. Und warum sind die Menschen dort so entspannt? Weil sie Rücksicht nehmen (die Meisten jedenfalls). Alle verstoßen dort gegen irgendwelche Vorschriften und alle wollen daher den Status Quo erhalten (von ein paar Spießern mal abgesehen). Einen Status Quo im Übrigen, der unseren „Volksvertretern“ nicht in den Kram passt. Sie wollen uns lieber vorschreiben, wie wir unsere Grünanlagen zu benutzen haben.

Warum sind es eigentlich immer die Hundehalter, von denen Rücksicht gefordert wird? Radfahrer nehmen keine Rücksicht auf andere, Eltern nehmen keine Rücksicht, Jogger nehmen keine Rücksicht. Wenn es jemanden stört, dass im Hundeauslaufgebiet die Hunde frei laufen, dann soll er um Gottes willen doch woanders hingehen. Wo liegt denn das Problem? Das reihenweise Kinder und Jogger im Grunewald angefallen werden, ist schlicht gelogen.

Es steht außer Frage: Der Hundekot muss entsorgt werden, Hunde müssen erzogen und sozialisiert werden. Warum aber müssen z. B. Radfahrer keinen Führerschein machen? Tragen sie nicht auch Verantwortung für ihr Hobby? Ja, aber Radfahrer haben gelernt, sich ihre Freiräume zu erobern. Genauso wie die Menschen, die im Park grillen oder auf der Liegewiese Fußball spielen. Warum sollen Menschen mit Hund weniger Rechte haben?

Etwas mehr zivilen Ungehorsam stünde den Hundehaltern gut. Die Freiräume der Hundehaltung werden stetig immer mehr eingeschnitten und die Hundehalter lassen es sich gefallen. Sie dürfen dann sogar noch dankbar sein, irgendwo ein kleines Schlammloch zugewiesen zu bekommen. Hundehalter sind einfach zu anständig.

P. S. die Arbeitsgruppe Grunewald von Hunde in Berlin e. V. ist gerade dabei, sich zu formieren. Interessenten können sich auf den Seiten der AG informieren.

Kommentare

Atom Newsfeed der Kommentare (Hilfe).

Von: Joker (13.09.2009 um 21:10 Uhr)
E-Mail: Joker113@freenet.de

Sehr interresantes Thema gerade durch die (Versandung Durch Hunde).

Wenn man bedenkt das um ca Jahr 1550
das Grunewaldschloss noch vom den See einen Wassergraben hatte.

Sicher währe es für einige ( Mitbürger )
angenehmer dort einen weiteren Golfplatz oder ähnliches zu errichten.

Jogger, Radfahrer, Spaziergänger:
Es handelt sich hier um ein HUNDE AUSLAUFS GEBIET!

Ihr geht doch auch nicht auf der AVUS
joggen, radfahren oder spazieren, oder nachts Sterne ansehen!

Lasst der Natur und den Hunden eine Chance.

Beton, Jagd und Zierrasen sind nicht schön.

(Spam oder Missbrauch melden)

(Maximal 1500 Zeichen!)

Funktionen: