Das vergessene Erbe

Veröffentlicht: 28.11.2008 um 18:00 Uhr
Autor: Guido Zörner

Vor einer Woche – am 19.11.2008 – haben die Mitglieder des Vereins Hundstage Berlin e. V. beschlossen, ihren Verein aufzulösen. Eine Spurensuche nach ihrem – und unserem zukünftigen – Erbe.

Eine Menschenmenge demonstriert auf dem Breitscheidplatz in Berlin gegen die Hundevoerodnung. Einige tragen Schilder.
(Bild: Hundstage-Demo gegen die Rasselisten in der Hundeverordnung auf dem Breidscheidplatz am 7.4.2001)
Gegründet im Jahr 2000 – in der heißen Phase der damals neuen Hundeverordnung – gewann der Verein schnell an Bekanntheit durch die regelmäßigen Demonstrationen am Großen Stern (später am Ku'damm), die die Mitglieder organisiert haben. Auch die Fiffi-Parade 2002 und 2003 wurde in der Hauptsache von „den Hundstagen“ organisiert. Ruhm und Ehre erlangte der Verein schließlich auch durch die große Unterstützung bei der Rettung des Auslaufgebietes am Grundewaldsee (siehe Grunewaldtheater 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt und 4. Akt).

Nun ist es also zum 1.1.2009 vorbei mit den Hundstagen. Wie ist es dazu gekommen?

Die Aktiven der Stunde Null (Juli 2000) versammelten sich bei der Bürgerinitiative „Berliner Schnauze“, der Initiative „Pro Hund“ oder planten bei Sitzungen des Vereins Hundstage Berlin e. V. die samstäglichen Demonstrationen am Großen Stern. Auch Hunde in Berlin gab es damals schon.

Trotz der manchmal aufkommenden Meinungsverschiedenheiten, selten auch Streitereien, gab es so eine Art gemeinsame Maxime, für die jeder Stand: Jeder soll das Recht und die Möglichkeit haben, einen Hund zu halten. Das war mehr oder weniger die zentrale Forderung aller Beteiligten.

Mehrere Menschen sitzen an einem Tisch in einem großen Konferenzraum.
(Bild: Mitglieder der Hundstage und Berliner Schnauze, Gisela Düllberg in der Mitte, auf dem Umweltausschuss Charlottenburg-Wilmserdorf am 5.2.2003. In dieser Sitzung wurde der Beschluß gefasst, das Auslaufgebiet Grunewald nicht zu verkleinern.)
Diese Bewegung, die im Juli 2000 entstand, hatte den Liberalismus für sich entdeckt. Personen wie Jörn Pleß, waren geistige Wegbereiter eines Gedankens, der die Hundehaltung als ein Teil bürgerlichen Grundrechts formulierte. Kein Gesetz und keine Verordnung sollte vorschreiben, wer einen Hund halten darf und wer nicht. Hundehaltung sollte nicht einer wohlhabenden Elite vorbehalten sein, von einer behördlichen Genehmigung abhängig sein oder durch „Bestandsregulierungen“ eingeschränkt sein. Natürlich waren sich die Protagonisten dieses tierischen Lieberalismus auch einig, daß die Freiheit nicht grenzenlos ist. Tierschuztwidrige Hundehaltungen lehnten sie genau so ab wie scharf gemachte Hunde und forderten in solchen Fällen einen effizienten Vollzug durch die Behörden. Gefordert wurde aber auch eine soziale Verantwortung der Hundehalter, ohne sich dabei die Freiheit nehmen zu lassen, sich einer übertriebenen Regulierungswut zu widersetzen.

Was ist aus dieser glorreichen Idee geworden? Hat die Entwicklung sie eingeholt und sind resigniert?

Füllten die ersten Sitzungen der Hundstage noch größere Gaststättenhinterzimmer, nahm die Zahl der Aktiven und Interessierten von Jahr zu Jahr kontinuirlich ab. Fiffi-Parade und Grunewald sorgten nochmal für stärkeren Andrang, doch am Ende saß wieder nur ein kleines Grüppchen zusammen.

Ist das vielleicht der Grund, warum der Verein aufgegeben hat?

Suchen wir doch mal das Erbe nach 8 Jahren wirken.

Der Verein begann zu wirken, als die Hundehaltung an einem Scheideweg angelangt war. Ab dem Jahr 2000 drohte und erlebte die Hundehaltung in Berlin unter vorwiegend sozialdemokratischen Einfluss massive Einschnitte. Die Frage nach dem Erbe lautet daher nicht, „warum hat der Verein das nicht verhindert?“, sondern, „was wäre, wenn die Hundstage nicht gewesen wären?“

Als im Sommer 2000 ein Kind an den Folgen eines Bissvorfalles starb, rollte eine Welle des Hasses und der Angst durch die Bevölkerung. Es wurde nach einem Schuldigen gesucht und es wurden die „Kampfhunde“ gefunden. Aber auch unter den Hundehaltern rollte die Welle der Angst – die Angst nach schärferen Gesetzen und nach Einschnitten in ihrem persönlichem Lebensumfeld. Viele Hundehalter (und besonders Hundehalterinnen) waren offenen verbalen Anfeindungen auf der Straße ausgesetzt (dessen Inhalt ich hier lieber nicht wiedergeben möchte, da ansonten die eine oder andere Jugenschutzsoftware im PC diese Seite sperrt). Hundehalter trieb es daher in Scharen in die Versammlungen der Vereine und Bürgerinitiativen oder zu den Demonstrationen. Als die Leute aber merkten, daß die Welle des Hasses langsam kleiner wurde und nur ein paar Hunderassen das Bauernopfer spielen durften, wurde es zu Hause auch wieder gemütlicher.

Somit wurde für den Hundestage-Verein die Luft zum Atmen immer dünner. Wichtige Unterstützung in Form von „Manpower“ oder Geld blieb zunehmend aus. Die Mitglieder schwanden, der Verein verlohr an Schlagkraft. Das Ziel, Politiker davon zu überzeugen vernünftige Gesetze zu machen ist jedoch an der absoluten Beratungsresistenz der gewählten Volksvertreter gescheitert und nicht an der Motivation der Akteure.

Der Verein mag seine Schlagkraft verloren haben, die (noch-) Mitglieder haben es jedoch nicht. Wenn es darauf ankommt, werden auch sie wieder in der ersten Reihe an der Front stehen.

Ob man das auch von den übrigen Hundehaltern erwarten kann, ist eine offene Frage. Die ganz große Mehrheit hat sich mit der – mit ihrer persönlichen – Situation abgefunden. Man sucht und findet seine Nischen. Das Ordnungsamt ist halt nicht überall. Und der Rest? Was wird einmal ihr Erbe sein?

Status quo ante bellum

Annett Löwe hinter einem Rednerpult.
(Bild: Die ehemalige Vorsitzende des Vereins Hundstage Berlin e. V., Annett Löwe, während einer Rede auf der Fiffi-Parade am 6.9.2003)
Die Hundehaltung ist einem – scheinbar wachsenden – sozialen Druck ausgesetzt. Medien, Politik und Gesellschaft greifen Themen der Hundehaltung auf und nutzen diese Themen häufig für eine Meinungsbildung, die kritisch bis ablehnend zur Hundehaltung steht. Wer diesen Druck nichts entgegenzustellen hat, verliert. Doch jedes Mehr an Reglementierung bedeutet immer ein Weniger an Hundehaltung!

Gerade aus den Reihen der Tierschützer kommen oft abstruse Forderungen nach mehr Gesetzen, nach Zuchtverbote o. ä. Damit wird in die Hände derer gespielt, die gegen eine Hundehaltung sind. Jeder Mensch, der sich aktiv für die Hundehaltung einsetzt, sollte daher immer die Frage vor Augen haben: will ich mehr oder weniger Hundehaltung? Die Konsequenzen aus dem eigenen Handeln vorher zu sehen, sind aber oft nicht einfach und erfordern stets einen Blick in die Vergangenheit – aber auch über die Stadtgrenzen hinweg.

Wer sich z. B. für flächendeckende Hundefreilaufplätze in der Stadt einsetzt, leistet möglicherweise einem generellen Leinenzwang in Berlin vorschub.

Wer sich gegen die Haltung von bestimmten Hunderassen ausspricht, muss damit rechnen, dass andere Menschen deren Argumente als Vorlage benutzen und die Liste der Hunderassen beliebig erweitern.

Die Büchse der Pandora wurde in der Vergangenheit immer aus „den eigenen Reihen“ geöffnet und niemals von den Hundegegnern!

Wer sich die Maxime: Jeder soll das Recht und die Möglichkeit haben, einen Hund zu halten! stets vor Augen hält, wird weise Handeln. Wenn es gelingt, das dies unser Erbe an die nächsten Generationen wird, dann wird es auch noch in 20 oder 50 Jahren Hunde in Berlin geben.

Ausblick

Christa Reinauer hinter einem Rednerpult.
(Bild: Die aktuell Vorsitzende des Vereins Hundstage Berlin e. V., Christa Reinauer, während einer Rede auf der 1. Fiffi-Parade am 7.9.2002, mit freundl. Gen.: © Horst Stiller, alle Rechte vorbehalten)
Der Ausblick auf unser Erbe soll diesmal ein Rückblick sein. Schon vor über 100 Jahren dominierten bei Nachrichten über Hunde negative Schlagzeilen die Presse. Hundekot und bissige Hunde sind schon sehr lange ein Thema in dieser Stadt. Seit 1830 gibt es in Berlin eine Hundesteuer. Bewirkte sie – wie geplant – eine Regulierung der Hundehaltung? Nein, die Hundesteuerregister verzeichneten sogar einen Anstieg der Hundehaltung um 500%! Die Angst vor der Tollwut mit ihren schlimmen Folgen und die Hysterie (PDF, ca. 2,7 MB) um „Bulldoggs“ – für die 1848 erstmals ein Maulkorbzwang eingeführt wurde – ist auch nicht neu. Also was hat sich gegenüber damals geändert? Die (Schein-)Probleme sind die Selben geblieben, aber auch die Hunde – denn sie gibt es immer noch in dieser Stadt. Hat sich also nichts geändert? Nicht ganz.

Die Hundefeindlichkeit und die Restriktionen heute setzten lediglich einen Trend fort, der vor über 150 Jahren begann. Der Nationalsozialismus, der Krieg und die Nachkriegszeit mit der Teilung der Stadt habend diesen Trend nur zeitweilig unterbrochen. Als in den frühen 80er Jahren die Zuhälter mit ihren Doggen über den Ku'damm zogen, kümmerte sich nicht wirklich jemand darum, warum auch? Die Feinde saßen jenseits der Mauer. Und wer sich im Ostteil der Stadt bestimmte „ausländische“ Hunderassen leisten konnte, hatte sowieso nichts zu befürchten.

Die Welt um die Hunde herum ist heute größer und vielschichtiger geworden. Es gibt neue Feindbilder. Es gibt mehr Mobilität, mehr Kommunikation, mehr Zeit, mehr Wissen und mehr Geld – aber auch mehr Gesetzte und Verordnungen. Restriktion werden effizienter und damit auch die Eindämmung der Hundehaltung.

Was wird wohl in diesem Kontext unser Erbe an die Hundehalter in 100 Jahren sein?

Gebt nicht auf, Leute!

Kommentare

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Von: Jörg (20.12.2008 um 16:25 Uhr)

Zum letzten Teil: Nicht zu vergessen sind die Medien, wenn aus Quotengeilheit wieder eine Maus zur reissenden Bestie gemacht wird. Solange die Menschen durch ihre Sensationsgier den Hetzern und Demagogen vorrang geben, wird sich nichts ändern.

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